TAKVA - GOTTESFURCHT

  • Film DVD
  • türkisch
    96 Min.
    deutsche Untertitel
    680284 DEnicht mehr im Handel

    Originaltitel: Takva
    Regie: Özer Kiziltan
    Musik:  
    Darsteller: Güven Kirac, Erkan Can, Meray Ülgen, Öznur Kula
    Türkei 2006

    TAKVA - GOTTESFURCHT

    Muharrem arbeitet als Gehilfe bei dem Sackhändler Ali in Istanbul. Sein ganzer Tagesablauf folgt den strengen Regeln des Islam. Häufig besucht der tief Gläubige auch das nahegelegene Kloster eines Derwischordens, wo eine mystische Variante des Islam praktiziert wird. Der Meister des Ordens betraut Muharrem eines Tages mit der Verwaltung der Finanzen, da es den geistlichen Personen nicht zusteht, sich mit weltlichen Dingen wie Geld und Geschäften zu befassen. Der Scheich bittet Ali, Muharrem fortan nur noch den halben Tag arbeiten zu lassen, damit dieser seine Aufgaben für Gott erledigen kann. Bald überredet sein Freund Rauf ihn, nun ganz ins Kloster zu ziehen. Die Entscheidung fällt Muharrem schwer. Sein Leben lang hat er für ein karges Dasein gearbeitet, und seine kleine Wohnung ist seine ganze Welt. Doch so es Gott gefällt, bezieht der fromme Mann eine kleine Zelle im Kloster.
    Seine neue Arbeit besteht darin, in den vielen Häusern, welche der Orden in der Stadt besitzt, die Mieten zu kassieren, für Reparaturen zu sorgen und das Geld abzuliefern. Ein Chauffeur fährt ihn in einem großen Auto kreuz und quer durch die Stadt. Muharrem schwitzt Blut und Wasser, auf keinen Fall will er bei der verantwortungsvollen Aufgabe etwas falsch machen. Den Scheich zu enttäuschen, das wäre das Schlimmste.
    Bei der Ausübung seiner Tätigkeit hat Muharrem mit reichlich Widersprüchen zu kämpfen. Alles mögliche ist unrein und nicht gottgefällig, selbst wenn es für das Wohl des Klosters von Nutzen ist. Gleichzeitig erschleicht sich der Orden durch seine Machtstellung allerlei Vorteile, die dann aber nicht als falsch gelten. "Erst wirfst du einen zahlenden Mieter raus, weil er säuft; dann erläßt du einer insolventen Familie die Miete, weil sie fromm ist", macht man ihm zum Vorwurf. Der Umgang mit Geld ist für den gläubigen Moslem ein ständiger Drahtseilakt. Es ist fast unmöglich, alles richtig zu machen.
    Je mehr Muharrem, der aus einem einfachen Viertel kommt, von der großen glitzernden Stadt sieht, desto schlimmer überkommen ihn die Fantasien und Versuchungen. Tief erschrocken wacht er nachts wie ein pubertierender Junge aus einem feuchten Traum auf und wäscht sich sofort panisch die befleckte Hose aus. Daß die Klosterbrüder den alten Junggesellen verheiraten wollen, macht ihm noch mehr Angst. Alles überfordert ihn, alles Geld wird zum schrecklichen Fluch. Man darf nichts nehmen, nichts geben, nichts besitzen - die Regeln des Ordens sind undurchschaubar und unlogisch, sie kollidieren mit seinem Gewissen und mit dem, was er in gutem Glauben für richtig hält. Immer mehr verstrickt sich Muharrem in einem Geflecht aus Lügen...

    Der Film aus der Türkei gestattet Blicke auf die religiöse Praxis einer islamischen Strömung, über die im Westen wenig bekannt ist. Vom äußeren Eindruck her unterscheidet sich sie Ausübung des Islam gar nicht so sehr von den anderen monotheistischen Religionen. Die Gläubigen kommen zusammen, um zu beten, zu singen, den weisen Worten ihres Predigers zu lauschen. Erst im Verlauf des Dramas, das der Protagonist in der Handlung des Films durchlebt und durchleidet, wird offenbar, wie der religiöse Orden den Glauben untergräbt, um ihn für Geschäfte zu mißbrauchen.
    Die Musik abseits der Gesänge bei den Zeremonien besteht nur aus düsterem elektronischem Grollen, bedrohlich hypnotisch wie in einem Horrorfilm. Tatsächlich wächst sich Muharrems Martyrium zu purem Psychohorror aus.
    Der Islam ist extrem auf die Instanz des einen Gottes zentriert. Tragendes Element dieser Religion ist die dem Gläubigen allgegenwärtige Furcht vor seinem Gott. Das autoritäre System der Einschüchterung kontrolliert praktisch jeden Atemzug, jeden Schritt, jeden Gedanken. In Muharrems Weltbild existiert nur ein einziger Zweck des Lebens: seinem Gott gefällig zu sein und dessen Gesetze zu befolgen. Muharrems gesamte verinnerlichte Moralvorstellung entspringt den Vorschriften aus seiner Religion.
    Die Arbeit für den strengen Derwisch-Orden stürzt ihn in eine Krise, weil er einerseits gehorsam sein und alles richtig machen will, andererseits aber erkennt, daß die Art, wie der Orden seine Geschäfte betreibt, ganz und gar den religiösen Gesetzen widerspricht. Letztendlich ist der Orden ein vom Geld korrumpiertes Unternehmen, wo in der unbarmherzigen Geldgier genau das Gegenteil dessen getan wird, was im Wort gepredigt wird. Der einfache Ladengehilfe scheitert auf tragische Weise daran, diese Widersprüche aufzulösen. Es ist für ihn unmöglich, die aufgetragene Arbeit für den Scheich gut zu machen und zugleich gottgefällig zu sein. Getrieben von der ständigen Angst, falsche Entscheidungen zu treffen und entweder den Scheich oder Gott zu erzürnen, verliert Muharrem den Halt. Völlig aus dem Gleichgewicht geraten, läßt der zuvor so ruhige und zuvorkommende Mann plötzlich seine Aggressionen an dem jungen Gehilfen aus, der jetzt an seiner Stelle an den Nachmittagen beim Sackhändler Ali arbeitet.
    Muharrem befindet sich in einem Dilemma, wo ihm die Furcht vor seinem Gott am Ende den Verstand raubt. Sein Glaube zehrt ihn innerlich auf, brennt ihn aus, läßt ihn wie in Häuflein Elend zusammenbrechen. Der naive Gläubige ist das Opfer einer Sekte, welche die Religion verdreht, um sich unter dem Mäntelchen der guten Taten schamlos mit Kapital und Besitztum zu bereichern. (Pino DiNocchio)


    680284 DE
    Tonspur: Türkisch
    Untertitel: D, E
    Länge: 96 Min.
    Bild: 16:9 Widescreen 1:1.85
    Extras: Interview mit Produzent Fatih Akin, Interview mit Drehbuchautor Önder Cakar (engl. mit dt. UT), Outtakes, Fotogalerie Filmfestival Berlinale 2007, Artikel: Türkisches Kino (pdf)


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